intimate struggles
Das Sehnen nach Nähe erfüllt das Subjekt, bedroht aber auch seine Autonomie. Was zu nahe kommt, was zu ähnlich ist, gilt es daher abzuwenden, zu abjektieren. In ihrem Werk „Pouvoirs de l’Horreur. Essais sur l’Abjection“ (1980) beschreibt die bulgarisch-französische Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva eben genau diesen Zusammenhang zwischen Verschmelzung, Abjektion und Ekel. Um sich den Status als Subjekt zu sichern, würden alle Phänomene, die dem Konzept des Selbst zu ähnlich seien und somit dessen Autonomie in Frage stellten, mit Ekel besetzt und als Abjekte ausgestossen. Urin, Blut, Schweiss, Sperma und Exkremente sind solche Abjekte, die das angeekelte Subjekt von sich fern hält. Indem es dies tut, gibt es sich selbst die Gestalt eines „reinen Subjekts“, eines Selbst mit klaren, festen Körpergrenzen.

Doch mit der Verstossung des Abjekts wird auch verworfen, was Potential zu intensivstem Genuss hat. Wenn Grenzen sich auflösen und Körperflüssigkeiten sich vermischen, wird die grösste „joissance“, der intensivste Genuss möglich. Die Sehnsucht nach dieser der Verschmelzung innewohnenden „joissance“ bleibt bestehen, selbst wenn sich das Subjekt aus der Verschmelzung lösen muss, um eine eigene Identität zu bilden. Gibt es sich diesem Genuss dennoch hin, muss es sich aufgeben, sich auflösen oder sein Selbst dem Tod übergeben.

Das Ringen des Subjekts zwischen Autonomie des Selbst und De-Indivdtuation in der Verschmelzung ist Thema dieser Arbeit. Das Tier, insbesondere seine Körperflüssigkeiten, weichen Körpergrenzen auf und rufen Ekel hervor. Seit jeher unterliegt das Tier besonders intensiver Abjektion. Es gilt als Repräsentant einer bedrohlichen Welt von Sexualität und Tötung. Diese archaische Erinnerung existiere noch heute, meint Kristeva. Wir verstärken die Darstellung dieser archetypischen Abjektierung durch die Auseinandersetzung mit einem toten Tier, einem animalischen Kadaver.

Nach Kristeva steht das Abjekt für eine Kategorienkrise. Es ist nicht ganz das Selbst und nicht ganz das Andere. Es nimmt den Raum dazwischen ein.

Doris Weichselbaumer/Margarit Lehmann 1010